Was, wenn ich das Wesentliche vergessen hätte?

Nach mehr als 25 Jahren als auf Pädiatrie spezialisierte Pflegefachfrau wurde Julie Champenois selbst zur Patientin. Diese doppelte Erfahrung prägt heute ihre schriftstellerische Arbeit.

Porträtbild Julie Champenois
1/1Julie Champenois Pflegefachfrau und Autorin:

Nach mehr als 25 Jahren als auf Pädiatrie spezialisierte Pflegefachfrau wurde Julie Champenois selbst zur Patientin. Diese doppelte Erfahrung prägt heute ihre schriftstellerische Arbeit. In Artikeln, Kolumnen und ihrem Buch « Soignants, écoutez-nous ! » («Pflegende, hört uns zu!») setzt sie sich mit den Themen Behinderung, der Beziehung zwischen Patientinnen und Patienten sowie Gesundheitsfachpersonen und dem Wandel der gesellschaftlichen Sichtweise auf diese Themen auseinander.

In den letzten Jahren hat sich mein Leben grundlegend verändert. Die Krankheit hat sich in meinem Leben breitgemacht und nach und nach immer mehr Raum eingenommen. Mein Alltag besteht heute aus Arztterminen, Untersuchungen, Behandlungen und administrativen Angelegenheiten. Jeder Weg kostet mich Kraft. Deshalb wähle ich sorgfältig aus, wofür ich meine Energie einsetze. Ich spare sie für das, was unbedingt notwendig ist. Ohne es wirklich zu merken, habe ich aufgehört zu leben. Ich überlebe nur noch.
Dann ermöglicht mir eines Sonntags ein Verein für angepassten Sport die Teilnahme an einem Rennen in einer Joëlette (einem geländegängigen Rollstuhl für Laufveranstaltungen). Um mich herum bereiten sich die freiwilligen Helferinnen und Helfer vor und scherzen miteinander. Musik erklingt. Die Läuferinnen und Läufer wärmen sich auf. Ich spüre die aufkommende Vorfreude. Diese Atmosphäre kenne ich. Sie hat mir so sehr gefehlt.
Der Startschuss fällt.
Mir ist kalt. Ich lache. Ich schreie vor Freude. Ich spüre die Anstrengung der Menschen, die mich begleiten. Ich bin mitten unter den Läuferinnen und Läufern, mitten im Lärm, in den Anfeuerungsrufen. Mitten im Leben.
Und plötzlich wird mir etwas bewusst: Ich bin heute hier, weil ich es wollte. Wann war das zuletzt der Fall? An diesem Tag tue ich nichts, was notwendig ist. Ich lasse mich nicht behandeln. Ich arbeite nicht. Ich fülle keine Formulare aus. Ich geniesse einfach den Moment.
Was, wenn ich das Wesentliche vergessen hätte?
Was, wenn Leben auch bedeutet, zu lachen, Menschen zu begegnen und gemeinsame Momente zu erleben? Sich Zeit zu nehmen für das, was einem guttut. Mitten im Leben zu sein. Sich daran zu erinnern, wer man ist – jenseits der Krankheit.
Weil ich all meine Kraft darauf verwendet habe, zu überleben, habe ich vergessen, auch Kraft fürs Leben aufzubewahren.
Seit diesem Tag hat sich meine Vorstellung davon, was wirklich wichtig ist, verändert. Freude gehört für mich heute dazu.

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