Text Cynthia Mira Fotos Markus Schneeberger
Digitale Barrierefreiheit ist längst kein Nischenthema mehr. Gesetze, Richtlinien und gesellschaftlicher Druck haben dazu geführt, dass Unternehmen und Institutionen ihre Websites und Apps zunehmend inklusiv gestalten. Gerade bei Weiterentwicklungen mit neuen Funktionen und Design-Updates besteht jedoch die Gefahr, dass zuvor integrierte barrierefreie Lösungen wieder entfernt werden. Tamara De Icco, die aufgrund eines ärztlichen operativen Fehlers seit dem fünften Lebensjahr blind ist, erlebt das immer wieder.
Besonders kritisch wird es dann, wenn es um die Koordination mit der Schule ihrer Tochter geht. «Wir hatten eine barrierefreie App für die Kommunikation zwischen den Eltern und Lehrpersonen, dann gab es eine Umstellung auf eine andere, und ich hatte schon bei der Ankündigung kurz Schweissausbrüche», sagt sie lachend. Ein Update oder ein Wechsel auf eine andere App koste sie immer sehr viel Zeit. Mittlerweile komme sie auch mit der neuen App zurecht, diese sei mehr oder weniger barrierefrei. Schwierig bleibe es bei der Interpretation von digitalen Stundenplänen, wie kürzlich für eine Projektwoche so geschehen. «Da habe ich keine Chance, herauszufinden, was meine Tochter betrifft und was nicht», sagt sie. «Dasselbe gilt bisweilen für Hausaufgaben, die zwar meine Hilfe, aber auch digitale Tools erfordern, die nicht genügend zugänglich sind.» Mittlerweile seien sie und ihre Tochter, die ja auch älter werde, in solchen Fällen aber ein gutes Team.
Eine Stunde anstatt zwei Minuten
Technisch stünden ihr im Alltag genügend verschiedene Hilfsmittel zur Verfügung, die den Zugang zu digitalen Inhalten erleichterten. Besonders positiv erlebe sie das iPhone mit der Voice - Over-Funktion sowie den allgemeinen Bedienungshilfen von Apple. Diese seien sehr gut umgesetzt und im Alltag nutzbar. «Ich habe das Handy genauso oft in der Hand wie eine sehende Person. Das ist doch verrückt, bei jedem Ausflug hat man für die Nutzung der SBB-App, von Google Maps oder schon nur für die Zeitangabe das Handy in der Hand.» Damit gehe es ihr im Alltag genau gleich wie so vielen.
Ausgeschlossen fühle sie sich von der digitalen Welt keineswegs, dennoch bleibe manchmal eine Frage zentral: Wann bedeutet «nicht funktionieren» tatsächlich, dass etwas nicht funktioniert? Und ab wann ist ein digitales Angebot wirklich barrierefrei? Diese Abgrenzung sei nicht immer einfach, sagt sie und nennt ein Beispiel: «Wenn ich für eine Aufgabe eine Stunde benötige, für die sehende Menschen zwei Minuten brauchen, dann würde ich nicht von funktionierender Barrierefreiheit sprechen, selbst dann nicht, wenn ich die Aufgabe am Ende bewältigen konnte.»
Verlinkungen als Glücksspiel
Besonders oft begegne sie Verlinkungen ohne Beschriftungen. Statt klarer Bezeichnungen stehe mehrfach hintereinander einfach «Taste». Man wische sich also fünfmal durch mehrere Elemente und alle seien gleich benannt. Für sehende Personen sei ersichtlich, worum es sich handle, etwa um Rezepte oder bestimmte Kategorien. Für Personen, die einen Screenreader nutzten, bedeute das: «Man tippt auf eine Taste, ohne zu wissen, was sich dahinter verbirgt, und muss das gewissermassen auf gut Glück herausfinden», erklärt Tamara De Icco. Da helfe es, dass sie nicht besonders gern online einkaufe, sondern lieber in einen Laden gehe. In digitalen Shops werde vieles ansprechend beschrieben, aber in der Realität fühle es sich dann doch oft anders an. Hinzu komme, dass Rücksendungen für sie mühsam seien. «Der Aufwand, etwas wieder einzupacken und zurückzuschicken, hält mich oft davon ab, überhaupt online zu bestellen. Mal abgesehen davon, dass das Ganze auch nicht nachhaltig ist.»
Das alles sei für sie aber nicht so hinderlich wie etwas, das ihr in der Arbeitswelt wirklich verwehrt bleibe. Und zwar machte sie sich vor drei Jahren mit einer eigenen Praxis selbstständig. Während die Ausbildung zur diplomierten Masseurin ohne Weiteres zugänglich war, gibt es kein einziges Tool, das es ihr erlauben würde, auch die Administration im Hintergrund ihrer Praxistätigkeit selbstständig zu erledigen. «Es gibt unzählige Plattformen für die Erfassung der Klient*innen oder die Abwicklung mit der Krankenkasse, aber keine davon ist barrierefrei», sagt sie. Deshalb müsse ihre Assistenzperson, die einmal in der Woche komme, ihr damit helfen. «Wir haben sehr lange gesucht, und auch die Schweizerische Fachstelle für Sehbehinderte im beruflichen Umfeld (SIBU) konnte uns kein geeignetes Tool nennen.» Das stimme sie im Jahr 2026 doch nachdenklich.






