Digitale Barrierefreiheit im Alltagstest

Obwohl digitale Zugänglichkeit in der Gesellschaft an Bedeutung gewinnt, trifft man sie in der Praxis selten konsequent umgesetzt an. Trotz wachsender Sensibilität zeigt sich das im Alltag von Tamara De Icco sehr gut: Als Mutter einer neunjährigen Tochter weiss sie, wo es mehr Barrierefreiheit brauchen würde – und als Selbstständige mit einer Sehbehinderung und eigener Praxistätigkeit kostet sie neben App-Updates vor allem etwas den letzten Nerv. Aber sich von diesem konkreten Hindernis abhalten lassen? Mitnichten – für die 36-jährige Frohnatur ein Fremdwort.

Tamara De Icco arbeitet am Laptop
Tamara De Icco's Laptop mit Screenreader
Tamara De Icco zeigt Cynthia etwas auf dem Handy
1/3Am Laptop arbeitet Tamara De Icco mit einem Screenreader, der ihr Inhalte vorliest und die Navigation mit einer speziellen Tastatur für Menschen mit einer Sehbehinderung ermöglicht.
2/3Am Laptop arbeitet Tamara De Icco mit einem Screenreader, der ihr Inhalte vorliest und die Navigation mit einer speziellen Tastatur für Menschen mit einer Sehbehinderung ermöglicht.
3/3Auch für Procap Schweiz steht Tamara De Icco hin und wieder im Einsatz und gibt Sensibilisierungskurse. Im Alltag lässt sie sich kaum von etwas abhalten, ausser wenn sie auf unüberwindbare gesellschaftliche Barrieren stösst.

Text Cynthia Mira Fotos Markus Schneeberger

Digitale Barrierefreiheit ist längst kein Nischenthema mehr. Gesetze, Richtlinien und gesellschaftlicher Druck haben dazu geführt, dass Unternehmen und Institutionen ihre Websites und Apps zunehmend inklusiv gestalten. Gerade bei Weiterentwicklungen mit neuen Funktionen und Design-Updates besteht jedoch die Gefahr, dass zuvor integrierte barrierefreie Lösungen wieder entfernt werden. Tamara De Icco, die aufgrund eines ärztlichen operativen Fehlers seit dem fünften Lebensjahr blind ist, erlebt das immer wieder.

Besonders kritisch wird es dann, wenn es um die Koordination mit der Schule ihrer Tochter geht. «Wir hatten eine barrierefreie App für die Kommunikation zwischen den Eltern und Lehrpersonen, dann gab es eine Umstellung auf eine andere, und ich hatte schon bei der Ankündigung kurz Schweissausbrüche», sagt sie lachend. Ein Update oder ein Wechsel auf eine andere App koste sie immer sehr viel Zeit. Mittlerweile komme sie auch mit der neuen App zurecht, diese sei mehr oder weniger barrierefrei. Schwierig bleibe es bei der Interpretation von digitalen Stundenplänen, wie kürzlich für eine Projektwoche so geschehen. «Da habe ich keine Chance, herauszufinden, was meine Tochter betrifft und was nicht», sagt sie. «Dasselbe gilt bisweilen für Hausaufgaben, die zwar meine Hilfe, aber auch digitale Tools erfordern, die nicht genügend zugänglich sind.» Mittlerweile seien sie und ihre Tochter, die ja auch älter werde, in solchen Fällen aber ein gutes Team.

Eine Stunde anstatt zwei Minuten

Technisch stünden ihr im Alltag genügend verschiedene Hilfsmittel zur Verfügung, die den Zugang zu digitalen Inhalten erleichterten. Besonders positiv erlebe sie das iPhone mit der Voice - Over-Funktion sowie den allgemeinen Bedienungshilfen von Apple. Diese seien sehr gut umgesetzt und im Alltag nutzbar. «Ich habe das Handy genauso oft in der Hand wie eine sehende Person. Das ist doch verrückt, bei jedem Ausflug hat man für die Nutzung der SBB-App, von Google Maps oder schon nur für die Zeitangabe das Handy in der Hand.» Damit gehe es ihr im Alltag genau gleich wie so vielen.

Ausgeschlossen fühle sie sich von der digitalen Welt keineswegs, dennoch bleibe manchmal eine Frage zentral: Wann bedeutet «nicht funktionieren» tatsächlich, dass etwas nicht funktioniert? Und ab wann ist ein digitales Angebot wirklich barrierefrei? Diese Abgrenzung sei nicht immer einfach, sagt sie und nennt ein Beispiel: «Wenn ich für eine Aufgabe eine Stunde benötige, für die sehende Menschen zwei Minuten brauchen, dann würde ich nicht von funktionierender Barrierefreiheit sprechen, selbst dann nicht, wenn ich die Aufgabe am Ende bewältigen konnte.»

Verlinkungen als Glücksspiel

Besonders oft begegne sie Verlinkungen ohne Beschriftungen. Statt klarer Bezeichnungen stehe mehrfach hintereinander einfach «Taste». Man wische sich also fünfmal durch mehrere Elemente und alle seien gleich benannt. Für sehende Personen sei ersichtlich, worum es sich handle, etwa um Rezepte oder bestimmte Kategorien. Für Personen, die einen Screenreader nutzten, bedeute das: «Man tippt auf eine Taste, ohne zu wissen, was sich dahinter verbirgt, und muss das gewissermassen auf gut Glück herausfinden», erklärt Tamara De Icco. Da helfe es, dass sie nicht besonders gern online einkaufe, sondern lieber in einen Laden gehe. In digitalen Shops werde vieles ansprechend beschrieben, aber in der Realität fühle es sich dann doch oft anders an. Hinzu komme, dass Rücksendungen für sie mühsam seien. «Der Aufwand, etwas wieder einzupacken und zurückzuschicken, hält mich oft davon ab, überhaupt online zu bestellen. Mal abgesehen davon, dass das Ganze auch nicht nachhaltig ist.»

Das alles sei für sie aber nicht so hinderlich wie etwas, das ihr in der Arbeitswelt wirklich verwehrt bleibe. Und zwar machte sie sich vor drei Jahren mit einer eigenen Praxis selbstständig. Während die Ausbildung zur diplomierten Masseurin ohne Weiteres zugänglich war, gibt es kein einziges Tool, das es ihr erlauben würde, auch die Administration im Hintergrund ihrer Praxistätigkeit selbstständig zu erledigen. «Es gibt unzählige Plattformen für die Erfassung der Klient*innen oder die Abwicklung mit der Krankenkasse, aber keine davon ist barrierefrei», sagt sie. Deshalb müsse ihre Assistenzperson, die einmal in der Woche komme, ihr damit helfen. «Wir haben sehr lange gesucht, und auch die Schweizerische Fachstelle für Sehbehinderte im beruflichen Umfeld (SIBU) konnte uns kein geeignetes Tool nennen.» Das stimme sie im Jahr 2026 doch nachdenklich.

Digitale Barrierefreiheit ist kein einmal erreichter Zustand, sondern ein fortlaufender Prozess. Regelmässige Tests mit Betroffenen bietet beispielsweise Eye-Able an. Das Unternehmen hilft Firmen, Behörden und öffentliche Stellen, ihre digitalen Angebote barrierefrei zu gestalten. Auch Procap Schweiz setzt auf dessen Expertise.

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