Johanna Zbinden
«Das Herz eines Menschen mit Glück zu erfüllen, das ist schön»
Johanna Zbinden
(*2001) ist im Kanton Neuenburg aufgewachsen, wo sie heute noch lebt und an der HES-SO eine Ausbildung zur Pflegefachfrau absolviert. Wenn sie nicht studiert, geht sie gerne wandern oder begleitet Procap-Reisen als Ferienbegleiterin oder Reiseleiterin.
Interview Ariane Tripet Fotos Markus Schneeberger
Procap: Mit welchen drei Worten würdest du dich beschreiben?
Johanna Zbinden: Ich bin ein optimistischer Mensch. Ich mag es, wenn die Dinge auf den Punkt kommen, und ich würde sagen … unbeschwert, also unkompliziert. Ich finde es toll, sich nicht über Belanglosigkeiten den Kopf zu zerbrechen, nicht zu ernst zu sein – auch wenn ich das im beruflichen Bereich bin. Aber ein bisschen Unbeschwertheit und eine Prise Humor zu bewahren, das ist wichtig.
Was hat dich dazu bewogen, dich freiwillig bei Procap zu engagieren?
Als ich ein Kind war, habe ich in den Sommerferien an einer Procap-Ferienreise teilgenommen. Ich hatte dort einen Angehörigen begleitet und sehr schöne Erinnerungen daran behalten. Nach dem Gymnasium brauchte ich Berufserfahrung, um die Fachmatur an der HEArc zu beginnen. Eine Freundin und ich dachten uns, wir könnten auf Ferienreisen mitfahren. Und da fiel mir Procap ein, denn zufällig bekam ich jedes Jahr den Ferienkatalog zugeschickt. Also nahmen wir im ersten Sommer an vier Reisen teil, und es hat uns so gut gefallen, dass wir in den folgenden Jahren wieder dabei waren.
Was hat dir so gut gefallen?
Einerseits kann es schwere Fälle mit sehr komplizierten Lebensgeschichten geben, aber andererseits ist es so unbeschwert! In Losone gab es eine Person im Rollstuhl, halbseitig gelähmt infolge eines Schlaganfalls, die fast keinen Kontakt mehr zu ihrer Familie hatte: eine sehr schwere Situation. Nun, sie war begeistert, die Sonne zu geniessen und eine Palme zu sehen! Sich vorzustellen, dass man durch eine Woche als Freiwillige*r das Herz eines Menschen mit Glück erfüllen kann, das ist schön!
Kannst du uns ein paar Anekdoten erzählen?
Es gab einen Aufenthalt in den Franches-Montagnes, bei dem wir uns köstlich amüsiert haben. Am letzten Tag, als wir vom Restaurant zurückkamen, sind wir auf ein Wespennest getreten und wurden angegriffen. Wenn dir eine Wespe in die Hose kriecht, die Begleiterin losrennt, um sich auszuziehen, und wir danach zu viert die Wespen vertreiben, um in Ruhe schlafen zu können, ist das superlustig! Klar, das kann einem Angst machen, aber das sind Situationen, die alle zum Lachen bringen!
Ein anderes Mal habe ich beim Pétanque gegen eine blinde Person verloren. Damit sie spielen konnte, klopften wir mit den Händen über der Boule-Kugel. Auf diese Weise hörte sie, wo diese lag … und sie hat mich geschlagen! Es ist toll, zu sehen, dass man eine Aktivität an die ganze Gruppe anpassen kann.
Was sind deine Aufgaben als Ferienbegleiterin?
Zunächst einmal sucht Procap den Ort und die Teilnehmenden aus und stellt uns ein Budget zur Verfügung. Dann ist es meine Aufgabe, zu entscheiden, wie wir das Budget einsetzen, und die Organisation entsprechend den Behinderungen der Teilnehmenden zu gestalten. In der Regel mache ich vor dem Aufenthalt eine Erkundungstour. Vor Ort kümmern wir uns um den Empfang, die Verteilung der Unterlagen an die Begleitpersonen und die tägliche Koordination.
Hast du einen grossen Traum?
Ich würde mir sehr wünschen, eines Tages meine eigene Einrichtung zu eröffnen. Ich stelle mir ein altes Bauernhaus oder ein Schloss vor – ich träume ein bisschen wie eine Prinzessin. (lacht) Es wäre ein wirklich gemütlicher Ort, der Menschen mit Behinderungen oder ältere Menschen aufnehmen würde – denn in Heimen geht es nicht immer sehr fröhlich zu. Es gäbe eine gute Personalausstattung, man könnte eine hochwertige Pflege bieten, sich Zeit für die Menschen nehmen und sie verwöhnen. Es wäre ein Ort für die Langzeitpflege – auf jeden Fall etwas Dauerhaftes – wie ein Wohnheim, mit einem grossen Garten und somit der Möglichkeit, draussen zu sein. Das ist ein bisschen utopisch … falls ich eines Tages bei EuroMillions gewinne. (lacht) Oder man könnte am Ende des Interviews einen kleinen Satz hinzufügen: «Spenden gesucht für schönes Projekt.» (lacht)
Hast du eine Superkraft?
Die Hoffnung zu bewahren, dass alles möglich ist: Pétanque spielen, obwohl man blind ist – das ist möglich. Es ist auch der Wille, Dinge möglich zu machen, egal, worum es sich handelt.