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Zürich: Serafina

 
 

«Jammern bringt nichts, lieber lasse ich Taten sprechen», sagt Serafina – und ihre Geschichte beweist, dass sie auch nach diesem Motto lebt. Offen spricht sie darüber, welche Herausforderungen sie ganz persönlich meistern musste und welche Schranken es noch zu überwinden gilt.

Mit klaren Fakten und deutlichen Worten benennt sie harte Tatsachen – aber auch die Chancen. Serafinas Geschichte rund um Selbstbestimmung und ein eigenes Zuhause kann Hoffnung machen und damit allen weiterhelfen. Und das liegt ihr am meisten am Herzen.

 
 

 
Serafina Zimmermann in ihren eigenen vier Wänden

«An die Einschränkungen durch meine Behinderung habe ich mich gewöhnt, sie gehören zu mir. Aber bauliche Barrieren behindern mich noch zusätzlich.»

 

Die 26-Jährige lebt mit einer fortschreitenden Muskelerkrankung und ist auf den Rollstuhl angewiesen. «An die Einschränkungen durch meine Behinderung habe ich mich gewöhnt, sie gehören zu mir», erzählt Serafina. «Aber bauliche Barrieren behindern mich noch zusätzlich.» Hohe Schwellen, schwere Türen und enge Lifte sind für sie unüberwindbare Hindernisse. Auch wenn heute die gesetzlichen Rahmenbedingungen für hindernisfreie Wohnungen geschaffen sind, hinkt die Umsetzung stark hinterher. Und viele Barrieren sind nicht offensichtlich; zu hoch oben angesetzte Küchenschränke oder Badezimmerspiegel, hohe Duschwannen, nicht unterfahrbare Kochherde, zu schmale Türen oder Korridore sowie Treppen und Schwellen. Auf der langen Suche nach den eigenen vier Wänden hat Serafina Dutzende solcher Mängel angetroffen.

 
Serafina Zimmermann in ihren eigenen vier Wänden

«Bei Architekten, Behörden und Bauherren fehlt es noch am nötigen Bewusstsein und Praxiserfahrung.»

 

Nur selten werden die Anforderungen konsequent umgesetzt, weiss auch Bernhard Stofer, Leiter von Procap Bauen: «Bei Architekten, Behörden und Bauherren fehlt es noch am nötigen Bewusstsein und Praxiserfahrung.» Gemeinsam mit Serafina fordert Procap deshalb: Es ist dringend nötig, dass wir im Bereich hindernisfreies Bauen in der Schweiz Fortschritte machen! Denn die grösste Hürde ist nicht zuletzt die knappe Verfügbarkeit: Die wenigen Wohnungen, die überhaupt in Frage kommen, sind noch viel schwieriger zu finden als «herkömmlicher» Wohnraum und oft sehr teuer. Serafina hat es aus eigenem Antrieb geschafft und lebt heute ihr eigenständiges Leben – ihr Beispiel und unsere Arbeit sollen dazu beitragen, dass in Zukunft weniger Hürden Menschen mit Handicap im Alltagsleben behindern.

 

 
Serafina zu ihrer Wohnsituation

Wir haben eine sehr schwere Eingangstüre zum Haus – sie ist zwar breit genug für den Rollstuhl, aber ich kann sie nur mit einem elektrischen Türöffner aufmachen, den der Vermieter im Nachhinein extra installiert hat. Die nächste Hürde ist meine Wohnung, da hat es eine Schwelle, die ich nur mit einer mobilen Rampe überwinden kann, und die Tür ist so massiv und gross, dass sie sich nur mit einem Greifarm schliessen lässt. Es ist also gar nicht so einfach, nach Hause zu kommen! Und den Briefkasten leert immer einer meiner Mitbewohner. Der Kasten hängt für mich zu weit oben. Es sind manchmal halt auch solche nicht ganz offensichtlichen «Details», die ein selbstständiges Leben erschweren.

Es ist schon noch verrückt, vermutlich gilt meine Wohnung nach Gesetz als hindernisfrei, aber eben, der Teufel liegt im Detail: zum Beispiel habe ich in der Küche zwar breite Gänge, aber Kühlschrank, Küchenschränke und Ablagen sind für mich zu hoch oben montiert, und der Herd ist nicht unterfahrbar. Auch im Bad gilt: das Badezimmer wäre eigentlich gross genug, aber die Badewanne konnte wegen des Abflusses nicht mit einer ebenerdigen Dusche ersetzt werden – also wurde die separate Dusche ersetzt, aber da ist der Raum zu klein für den Rollstuhl. Im Moment geht es, da ich noch einige Schritte machen kann…

Auch hier ist es die Höhe der Montagen, die ein Problem wäre, wenn mich niemand unterstützen würde: zum Beispiel kann ich die Wäscheleine vom Rollstuhl aus nicht erreichen und somit meine Wäsche nicht alleine aufhängen. Deshalb mache ich die Wäsche gemeinsam mit meiner Mitbewohnerin.

Da habe ich wirklich Glück: Ja. Wir haben ja eine WG und können die Miete teilen, ausserdem ist es eine städtische Wohnung – und dann arbeite ich ja aktuell noch 90 Prozent.

Ich glaube, es ist schon sehr schwierig – also ich habe sehr lange suchen müssen. In Zürich ist es ja für alle sehr schwierig, Wohnungen zu finden, bei hindernisfreien Wohnungen ist das Angebot noch viel knapper. Die wenigen günstigen Wohnungen in Altbauten sind kaum je hindernisfrei, Neubauten sind generell teurer – und gegenüber Wohngemeinschaften gibt es generell viele Vorbehalte.

Es gibt zu wenige gute Verzeichnisse oder klare Beschreibungen. Und eben, die wenigen klar deklarierten Wohnungen sind dann unbezahlbar…

Es ist halt so, dass die wenigen Wohnungen, die als rollstuhlgängig ausgeschrieben werden, dann doch nicht wirklich rollstuhlgängig sind. Häufig habe ich die Situation angetroffen, dass es zwar einen Lift gibt, dieser aber nur über einen Treppenabsatz zu erreichen ist – oder die Türbreite zu schmal war. Auch oft anzutreffen sind Wege zur Wohnung, die zu steil oder gepflastert sind. Diese sind mit dem Rollstuhl entweder gar nicht zu überwinden oder machen jeden kleinen Haushaltseinkauf zum Kraftakt.

Eher schlecht. Wie gesagt, es gibt generell sehr wenige rollstuhlgängige Wohnung, und dann sind sie eben oft zu teuer. Gleichzeitig läuft vieles über Vitamin B – und es gibt immer mehr «Konkurrenz», da auch ältere Menschen Bedarf an hindernisfreien Wohnungen haben.

Nicht als Person, nein, eigentlich wirklich nicht. Aber es gibt natürlich Ängste von wegen nötigen baulichen Anpassungen und deren Kosten.

Ich versuche, so gut es geht, im Moment zu leben und nicht daran zu denken, wie sich mein Leben verändern würde, wenn es mir schlechter ginge. Mir ist meine Selbstständigkeit unheimlich wichtig, und ich möchte sie solange wie möglich geniessen.

Irgendwann würde ich gerne alleine wohnen. Super wäre eine schöne kleine Altbau-Wohnung, die rollstuhlgerecht wäre – oder auch etwas sehr Modernes. Auf jeden Fall wäre es eine Wohnung in der Stadt mit guter Anbindung an den öffentlichen Verkehr.

 

 

Serafinas Steckbrief

  • Name: Serafina Zimmermann
  • Alter: 26
  • Wohnort: Zürich
  • Wohnsituation: in 3er WG, 4.5-Zimmer-Mietbauwohnung, Neubausiedlung
  • gesundheitliche Situation: Progressive Muskelkrankheit, aktuell 90 Prozent berufstätig
  • Finanzielle Lage: kein Rentenbezug
  • Persönlichkeit: positiv, tatkräftig, selbstständig, selbstbewusst, offen, realistisch, differenziert, fröhlich, sozial