Wenn Tools versagen: Warum manuelle Tests unverzichtbar sind

Zu kleine Buttons, schlechte Farbkontraste, unklare Navigation oder PDFs, die von einer Vorlesesoftware nicht gelesen werden können – diese digitalen Barrieren zählen zu den häufigsten Stolpersteinen. Warum es, um diese zu finden, manuelle Tests braucht, erklärt Sebastian Zimmermann, Sales Manager der Firma Eye-Able.

Ein Mensch mit Behinderung sitzt am Bildschirm mit einer barrierefreien Webseite
Ein Mensch mit Behinderung sitzt vor einem Computer mit 2 Bildschirmen
Porträt Sebastian Zimmermann
1/3Kleine Helfer, die Grosses bewirken: Bei Procap kann Maik Lüscher dank Geräten uneingeschränkt arbeiten. Er hat eine starke Sehbehinderung und weiss, worauf es in Sachen Barrierefreiheit ankommt.
2/3Kleine Helfer, die Grosses bewirken: Bei Procap kann Jonas Vögeli dank Geräten uneingeschränkt arbeiten. Er hat eine starke Sehbehinderung und weiss, worauf es in Sachen Barrierefreiheit ankommt.
3/3«Mehr als 25 Prozent der User profitieren nachweislich von barrierefreien Websites – auch ohne formale Behinderung», sagt Sebastian Zimmermann, Sales Manager bei Eye-Able. Mit der Umsetzung tun sich die Unternehmen bisher schwer.

Text Cynthia Mira Fotos Eye-Able, Procap

«Schweizer Gemeinde-Websites sind voller Hürden» - so lautete im Oktober 2025 eine Schlagzeile auf der Newsplattform von SRF. Grund: Das Recherchezentrum Correctiv.Schweiz und die Stiftung «Zugang für alle» hatten in einer Studie 70 Websites von Schweizer Gemeinden und Städten auf digitale Barrierefreiheit geprüft – mit ernüchterndem Ergebnis: Keine einzige Website war barrierefrei, 20 wurden als «teilweise zugänglich» eingestuft. Das Resultat zeigt auf, wie gross der Nachholbedarf in der Schweiz ist. Dabei sind öffentliche Stellen gesetzlich verpflichtet, ihre Websites und mobilen Anwendungen zugänglich zu machen. Für private Firmen ist es bislang freiwillig. 

Warum automatisierte Prüfungen nur ein Teil der Lösung sind 

Barrieren im Web machen sich vor allem für Menschen mit Behinderungen bemerkbar. Davon können auch die beiden jungen Procap-Mitarbeiter Maik Lüscher und Jonas Vögeli ein Lied singen. Jüngst zeigten sie in einem Video auf, welche Tools ihnen helfen, um am Computer trotz Seheinschränkungen zu arbeiten, und wie sie sich im Web bewegen. Maik Lüscher arbeitet im Fundraising. Auf dem rechten Auge hat er noch eine Sehstärke von 20 Prozent mit Gesichtsfeldeinschränkung. Mit einem Lesegerät kann er Texte auf Papier grösser einstellen oder den Farbkontrast ändern. 

Jonas Vögeli macht seine KV-Lehre bei Procap und hat ebenfalls eine starke Seheinschränkung. Er meint: «Bei gewissen Videos im Web, die immer schneller geschnitten werden, ist dann halt der Ton einfach schön.» Da er das Mauszeichen nicht sieht, arbeitet er auf der Tastatur mit Kombinationen, sogenannten Shortcuts. Zur Website von Procap sagt er: «Diese ist gut eingerichtet, sodass ich zu den Suchfeldern und verschiedenen Buttons springen kann.» Es sind genau solche Bewertungen von Betroffenen, mit denen auch die Firma Eye-Able arbeitet. Denn: «Digitale Barrierefreiheit lässt sich nicht allein mit Software messen. Erst wenn Menschen mit Behinderungen sie testen, zeigt sich, ob eine Website wirklich nutzbar ist», sagt Sebastian Zimmermann. Automatisierte Tests würden circa 70 bis 80 Prozent aller technischen Barrieren erkennen. Es sei aber wichtig, zu verstehen, dass automatisierte Tools an Logikfehlern scheitern oder Probleme bei echten Nutzungsszenarien nicht sehen würden. Dazu gehörten fehlende Kontextinformationen oder nichtssagende Alternativtexte für Bilder.

Eye-Able setze deshalb mit ihrer ganzheitlichen Lösung für die Kundinnen und Kunden neben dem automatischen und kontinuierlichen Monitoring auf manuelle Überprüfung, durchgeführt von den Expert*innen selbst – von Menschen mit Behinderungen. Für Unternehmen, die Eye-Able nutzen, bietet dieses Vorgehen einen entscheidenden Mehrwert. Denn nur dank den manuellen Überprüfungen kann gewährleistet werden, dass eine als barrierefrei deklarierte Website wirklich hält, was sie verspricht.

Digitale Barrierefreiheit für alle

Eye-Able® ist ein Softwareunternehmen aus Würzburg, das sich auf digitale Barrierefreiheit spezialisiert hat. Die Vision ist klar: ein Internet, das alle Menschen nutzen können – ganz egal, welche Einschränkungen sie haben. Mit einer leicht integrierbaren Technologie macht Eye-Able® Websites und digitale Inhalte deutlich zugänglicher. So unterstützt das Unternehmen Organisationen aus Verwaltung, Bildung und Wirtschaft dabei, ihre digitalen Angebote gesetzeskonform, inklusiv und zukunftsfähig zu gestalten.
Gegründet wurde Eye-Able® 2020 von Oliver und Tobias Greiner, Chris Schmidt und Eric Braun. Die Idee entstand aus einer persönlichen Erfahrung: Olivers bester Freund ist stark sehbehindert und musste sein Studium abbrechen, weil viele digitale Systeme für ihn nicht nutzbar waren. Die Gründer wollten das ändern – gemeinsam mit Fachleuten und Betroffenen entwickelten sie eine Lösung, die heute auf Tausenden internationalen Websites im Einsatz ist.
Hier wird technologische Innovation mit sozialem Anspruch verbunden und eng mit Menschen mit Behinderungen zusammengearbeitet, die auch aktiv an der Entwicklung beteiligt sind.
Eye-Able® Link öffnet in neuem Fenster. steht für digitale Teilhabe, Respekt und Chancengleichheit – ganz nach dem Prinzip: «Empower everyone.» Ein Leitsatz, der das tägliche Handeln des Teams prägt und den Weg in eine wirklich inklusive digitale Zukunft weist.

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