Inklusion braucht Arbeit, nicht Goodwill

Seit über 13 Jahren engagiere ich mich beruflich für Menschen mit Behinderungen. In dieser Zeit hat sich der Diskurs rund um Behinderung und Inklusion in der Schweiz deutlich verändert.

Porträt Simon Müller
1/1Simon Müller ist Co-Geschäftsführer von EnableMe (Stiftung MyHandicap). Aufgrund einer schweren Erkrankung 2008 ist er Prothesenträger. Durch das persönliche Schicksal hat er seine Berufung gefunden: Menschen mit Behinderungen und chronischen Krankheiten zu unterstützen und die Schweiz inklusiver zu machen.

Rechte, Selbstbestimmung und Teilhabe stehen heute stärker im Zentrum. Gleichzeitig bestehen strukturelle Barrieren weiter. Eine zentrale Erkenntnis aus diesen Jahren lautet: Nicht die Behinderung ist das Problem, sondern das System.
Besonders deutlich zeigt sich das im Bereich Arbeit. Hier liegt ein enormes Potenzial für echte Inklusion und für gesellschaftlichen Fortschritt. Arbeit stärkt nicht nur einzelne Menschen, sie entscheidet darüber, wer dazugehört. Trotzdem wird die Beschäftigung von Menschen mit Behinderungen noch immer als Nischenlösung oder als Frage des Goodwills betrachtet. Dabei ist Arbeit der stärkste Treiber für Inklusion überhaupt.
Damit dieses Potenzial genutzt werden kann, müssen bestehende Finanzströme und Fehlanreize konsequent beseitigt werden. Solange Institutionen nach der Grösse ihrer Belegschaft oder nach Produktivitätskennzahlen beurteilt werden, haben sie wenig Interesse daran, leistungsfähige Menschen mit Behinderungen in den ersten Arbeitsmarkt ziehen zu lassen. Dieses System belohnt das Behalten, nicht das Ermöglichen und den Schritt in die Selbstständigkeit.
Fähige Menschen auszuschliessen bedeutet, wertvolle Ressourcen ungenutzt zu lassen. Die Frage ist deshalb nicht, ob wir uns Inklusion leisten können, sondern ob wir uns Ausschluss leisten wollen.

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