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30.10.2017 | Politik, Recht, Top News

Assistenzbeitrag: Mehr Selbstbestimmung, aber noch zu viele Hürden

Der Assistenzbeitrag der IV fördert ein selbstbestimmtes Leben und wird von einer grossen Mehrheit der Bezüger/-innen geschätzt. Dies zeigt die Schlussevaluation des Assistenzbeitrags, die das BSV kürzlich publiziert hat. Dass jedoch nach wie vor relativ wenige Personen diese Leistung in Anspruch nehmen, hat mit verschiedenen Zugangshürden zu tun.

Der Assistenzbeitrag wurde 2012 als neue Leistung der IV eingeführt, mit dem Ziel die Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderungen bei der Wohnform und der Arbeit zu verbessern und zur Entlastung von Familienangehörigen beizutragen.

Der Schlussevaluation des Bundesamtes für Sozialversicherungen (BSV), die die ersten fünf Jahre seit der Einführung des Assistenzbeitrages analysiert (2012-2016), zeigt, dass die Menschen, welche mit einem Assistenzbeitrag leben, mehrheitlich eine positive Bilanz ziehen. Die neue IV-Leistung hat vielen von ihnen ein selbstbestimmteres Leben ermöglicht.

Menschen die aufgrund ihrer Behinderung im Alltag Unterstützung benötigen, können dank dem Assistenzbeitrag Assistenzpersonen anstellen, die sie zu Hause, am Arbeitsplatz oder bei sozialen Aktivitäten unterstützen. Das ermöglicht vor allem Menschen mit schweren Behinderungen eine selbstständigere Lebensweise – etwa die Möglichkeit, weiterhin zu Hause zu leben anstatt in einem Heim.

Bis heute haben etwas mehr als 2000 Menschen den Assistenzbeitrag genutzt, gerechnet hatte der Bund mit rund 3000. Dass nach wie vor relativ wenige Personen diese Leistung in Anspruch nehmen, hat aus Sicht von Procap mit verschiedenen Zugangshürden zu tun:

  • Viele Bezüger/-innen kritisieren den hohen administrativen Aufwand bei der Anstellung von Assistenzpersonen und bei der Abrechnung gegenüber der IV. Insbesondere für Menschen mit einer kognitiven, psychischen oder Sinnesbehinderung sind die administrativen Anforderungen nur schwierig bewältigbar. Es ist davon auszugehen, dass dieser Aufwand potentielle Anspruchsberechtigte von der Anmeldung eines Assistenzbeitrages abhält. Procap fordert deshalb, dass der Assistenzbeitrag künftig auch dafür verwendet werden kann, externe Anbieter zu entschädigen, die auch die Administration übernehmen würden.

  • Oft gestaltet sich die Suche nach Assistenzpersonen schwierig. Eltern kritisieren, dass der zugesprochene Assistenzbeitrag bei Kindern mit einer schweren Behinderung nicht ausreicht, um Assistenzpersonen anstellen zu können, die das nötige Fachwissen mitbringen. Viele Bezüger/-innen haben zudem Probleme damit, die Nachtpauschale einzusetzen. Der Betrag erweist sich in der Praxis als deutlich zu tief, um Assistenzpersonen zu finden, welche die erforderliche Betreuung in der Nacht leisten wollen. Procap setzt sich dafür ein, dass die Beträge so erhöht werden, dass sie die effektiven Kosten decken.

  • Leider ist es nach wie vor nicht möglich, die Unterstützung durch Familienangehörige über den Assistenzbeitrag zu finanzieren. Dies wäre in zahlreichen Fällen die naheliegendste Lösung. Procap unterstützt deshalb auch die parlamentarische Initiative von Nationalrat Christian Lohr, der im Rahmen des Assistenzbeitrags Angehörige entschädigen möchte, die ein Familienmitglied mit einer Behinderung unterstützen.


Es ist positiv, dass das BSV den Austausch mit den Behindertenorganisationen sucht, um die erwähnten und weitere Kritikpunkte aus der Evaluation des Assistenzbeitrages zu diskutieren. Procap wird sich zusammen mit dem Dachverband Inclusion Handicap in diesem Austausch für eine Verbesserung des Assistenzbeitrages einsetzen.


Schlussbericht Assistenzbeitrag des BSV

Bericht Evaluation Assisstenzbeitrag 2012-2016



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