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Ein- statt ausschliessen

Marie-Thérèse Weber-Gobet, Bereichsleiterin Sozialpolitik bei Procap Schweiz äusserte sich in einem Beitrag zu den Gefahren der genetischen Diagnostik.

Der Tagesanzeiger druckte am 31. August folgenden Beitrag von Marie-Thérèse Weber-Gobet unter der Rubrik "Analyse" ab:

Im Bereich der genetischen Diagnostik werden immer mehr Tests für alle zugänglich. Zum Beispiel der pränatale Bluttest, mit dem sich das Downsyndrom mit grosser Sicherheit feststellen lässt (TA vom 24. 8.). Hier ist eine Entwicklung im Gang, die mit Selektion verbunden ist – und damit mit der Definition, was «wertes Leben» und was «unwertes» ist. Dass die neuen Bluttests Diagnosemethoden ersetzen, die das ungeborene Leben gefährden, ist positiv. Es wirft aber auch die Frage auf, weshalb so viele schwangere Frauen und Paare den Bluttest zur Untersuchung auf Downsyndrom durchführen lassen. Ist es die Angst, einem Kind mit besonderen Bedürfnissen das Leben zu schenken, weil die Gesellschaft auf Leistung und Erfolg ausgerichtet ist und das Leben mit einem behinderten Kind als kaum zu bewältigende Aufgabe erscheinen lässt?

Offenbar vermittelt das gesellschaftliche Umfeld eines nicht: dass alle Menschen willkommen und wertvoll sind. Dabei muss es in einer Gesellschaft normal sein, verschieden zu sein. Dann werden Menschen mit Besonderheiten zur Selbstverständlichkeit, können sich einbringen und Wertvolles leisten. Eine Gesellschaft, die einschliesst statt auszuschliessen, kann es einem Paar erleichtern, Ja zu einem besonderen Kind zu sagen.

Grundsätzlich gilt: Eine Garantie auf Unversehrtheit gibt es nicht. Während des ganzen Lebens nicht. Wir müssen anerkennen, dass Krankheit und Behinderung ein Bestandteil menschlichen Lebens sind. Umso wichtiger ist, dass im Zusammenhang mit dem pränatalen Downsyndrom-Bluttest (und ähnlichen Abklärungen) Leitlinien definiert werden. Eltern muss das Recht auf Nichtwissen zugestanden werden, unabhängig von der Risikosituation darf es kein Obligatorium für solche Tests geben. Eltern müssen ein Recht auf freie Entscheidung haben, und sie müssen entsprechende Beratung und Unterstützung von Ärzteschaft und Beratungsstellen erhalten. Schliesslich müssen Versicherungs- und Integrationsleistungen für ein behindertes Kind garantiert bleiben – unabhängig von solchen Tests.

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