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Medienkonferenz Procap, Insieme und Pro Infirmis zur schulischen Integration von Kindern mit Behinderung vom 23.Oktober in Bern

Auf dem Weg zur «Schule für alle» braucht es zusätzliche Orientierungshilfen

In der Schweiz sitzen immer mehr Kinder mit Behinderung zusammen mit nichtbehinderten Kindern in den gleichen Schulbänken. Die schulische Integration hat in den letzten Jahren grosse Fortschritte gemacht und ist vielerorts eine gelebte Realität. Gerade aufgrund dieser Entwicklung stellen die Behindertenorganisationen Procap, insieme und Pro Infirmis aber einen erhöhten Informations- und Beratungsbedarf bei Eltern, Lehrpersonen und Schulbehörden fest. Sie fordern deshalb einen Ausbau der Integrations- und Koordinationsstellen auf kantonaler Ebene, eine schweizweite Vereinheitlichung der Rahmenbedingungen für die schulische Integration und ein klares Bekenntnis zum Grundrecht auf Bildung für alle.


Redebeiträge und Dokumentation siehe am Ende des Textes

Integration von Kindern mit Behinderung ist an der Schule in Menzingen (ZG) schon längst kein Fremdwort mehr. Dort werden Schüler/-innen mit den unterschiedlichsten Behinderungen in die bestehenden Regelklassen eingegliedert. Zurzeit wird in 5 der 30 Klassen integrativ geschult. Die Erfahrungen sind gemäss Rektor Pascal Jahn sehr positiv: «Von der Integration profitieren letztlich alle – nicht nur die Kinder mit Behinderung.» Für die einzelnen Lehrer/-innen sei der integrative Unterricht allerdings anspruchsvoll. Sie müssten auf die Unterstützung von sonderpädagogisch geschulten Lehrkräften zählen können, die sie fachlich beraten und auch entlasten können.

Hier setzt auch die Informationsarbeit von insieme, der Selbsthilfeorganisation der Eltern von Kindern mit einer geistigen Behinderung, an. «Schlechte Integrationsbeispiele, falsche Vorstellungen und ungenügende Informationen haben zu einer grossen Verunsicherung geführt», erklärt Walter Bernet, Zentralpräsident insieme Schweiz. Deshalb hat insieme diesen Herbst neue Informationsblätter für Eltern, Lehrpersonen und Behörden publiziert. Die Blätter beantworten die wichtigsten Fragen zur schulischen Integration. «Wir wollen damit Informationslücken schliessen, Missverständnisse klären und Wege ebnen», ergänzt Bernet. Denn: «Aus den gelungenen Integrationen lässt sich sicher eines lernen: Umfassende Information und klare Kommunikation gehören zu den wichtigsten Bedingungen.»

Ähnlich ist die Erfahrung von Martin Boltshauser, Leiter des Rechtsdienstes der Selbsthilfeorganisation Procap: «Wir werden zunehmend mit Beratungsanfragen von Eltern konfrontiert.» Es sei aber fast nicht möglich, einfach Standardlösungen zu präsentieren, da aufgrund der neuen Aufgabenverteilung zwischen Bund und Kantonen die schulische Integration Sache der einzelnen Kantone sei. «Wir haben schweizweit 26 verschiedene Modelle, wie die schulische Integration umgesetzt und finanziert wird.» Hinzu kommt, dass je nach Behinderung des Kindes spezielle Massnahmen ergriffen werden müssen. «Die Integration funktioniert nur dann, wenn bei der Suche nach Lösungen die Eltern, die Lehrpersonen und die Behörden einbezogen werden. Die Lösung muss am Schluss ja den Bedürfnissen des Kindes gerecht werden können», stellt Boltshauser fest.

Für Esther Lüthi, Geschäftsleiterin der Pro Infirmis Zürich, sind die bisherigen Erfahrungen mit der schulischen Integration ermutigend. «Wie wir aber aus der Beratungspraxis wissen, ist die Integration in die Regelschule für alle Beteiligten ein interessanter, lehrreicher und gewinnbringender Weg, der aber auch mit einigen Herausforderungen und Hindernissen gespickt ist», erklärt Lüthi. Es brauche nach wie vor von allen Beteiligten, ganz besonders von den Eltern, viel Engagement, Überzeugung und Durchhaltewille. Es ist daher wichtig, dass die betroffenen Eltern von Fachorganisationen wie Pro Infirmis bei Bedarf die notwendige Hilfe und Unterstützung erhalten. Auch bietet Pro Infirmis den Eltern und Schulen die Begleitung des Integrationsprozess an («Case Management»). Pro Infirmis Zürich hat zudem ein eigenes Projekt lanciert und stellt allen Beteiligten ihr Fachwissen mit behindertenspezifischen Sachinformationen und die Beratung zur Verfügung.

Aufgrund ihrer bisherigen Erfahrung und Praxis formulieren Procap, insieme und Pro Infirmis drei Forderungen, um die schulische Integration in der Schweiz wirksamer zu fördern und zu unterstützen:

  • Die Kantone sollen eigene Koordinations- und Integrationsfachstellen schaffen, welche die Eltern, die Lehrpersonen und die Behörden bei den Integrationsprozessen beraten, begleiten und im Konfliktfall auch intervenieren können.
  • Die Rahmenbedingungen für die schulische Integration müssen schweizweit gesichert und besser auf einander abgestimmt werden. Procap, insieme und Pro Infirmis fordern sämtliche Kantone auf, dem Sonderpädagogik-Konkordat beizutreten. So verpflichten sich die Kantone sich zu einem Mindestangebot an vergleichbaren Leistungen.
  • Schulische Integration ist weder ein Privileg für wenige «lernfähige» Kinder mit Behinderung noch eine Sparübung. Schulische Integration resp. der Zugang zur Regelschule für alle ist die Umsetzung eines in der Verfassung garantierten Grundrechtes auf Bildung – jenseits von ökonomischem Nützlichkeitsdenken. Dazu braucht es ein klares politisches Bekenntnis und den Tatbeweis der Behörden.

Uno-Erklärung zur «Schule für alle» vor 15 Jahren

1994 wurde an einer Unesco-Weltkonferenz im spanischen Salamanca eine «Erklärung über Prinzipien, Politik und Praxis in der Pädagogik für besondere Bedürfnisse» verabschiedet. Darin wurden die Behörden aufgefordert auf eine «Schule für alle» hinzuarbeiten und die Integration von Kindern mit Behinderung in die Regelschule gezielt voranzutreiben. Mehr dazu …

Während vom 21. bis 23. Oktober 2009 in Salamanca eine internationale Tagung unter dem Titel «Return to Salamanca – Global Conference on Inclusive Education» eine Bilanz zieht, haben die drei Behindertenorganisationen Procap, insieme und Pro Infirmis die Gelegenheit wahrgenommen, eine Standortbestimmung zum Thema schulische Integration in der Schweiz vorzunehmen: Wie wird die Integration umgesetzt? Wo gibt es Probleme oder Schwierigkeiten? Wie können betroffene Eltern, Lehrpersonen und Behörden konkret beraten und unterstützt werden?


Für Rückfragen:
Bruno Schmucki, Mediensprecher Procap, Tel. 079 647 01 03



Redebeiträge


Dokumentation

 

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