Procap-Medienkonferenz zur Wohnungsnot für Menschen mit Rollstuhl
Bezahlbare rollstuhlgängige Mietwohnungen sind Mangelware: Es besteht Handlungsbedarf! In der Schweiz fehlt es an günstigem Wohnraum für Menschen im Rollstuhl. Dies zeigt eine Analyse der Behindertenorganisation Procap, welche das grösste Immobilienportal für rollstuhlgängige Wohnungen in der Schweiz betreibt. Über die Hälfte der auf dem freien Markt angebotenen Mietwohnungen kostet mehr als 2000 Franken pro Monat. Dieser Betrag liegt weit ausserhalb der finanziellen Reichweite von Menschen, die für ihren Lebensunterhalt auf IV-Renten und Ergänzungsleistungen angewiesen sind. Procap meldet deshalb dringenden Handlungsbedarf an.
Dokumentation zur Medienkonferenz vom 19.01.2010 in Bern
Urs Schnyder:
Präsentation «Günstige rollstuhlgängige Mietwohnungen: Mangelware»
Silvia Schenker:
Redebeitrag «Die Ergänzungsleistungen für rollstuhlgängige Wohnungen müssen angepasst werden!»
Bernard Stofer:
Präsentation «Der anpassbare Wohnungsbau – ein Konzept mit Zukunft»
Anhang:
Konkrete Zahlen aus einigen Kantonen
Bundesgesetz über Ergänzungsleistungen zur Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung
BSV: Statistik der Ergänzungsleistungen zur AHV und IV 2008
Procap, der grösste Mitgliederverband von und für Menschen mit Behinderung, betreibt seit ein paar Jahren eine Beratungsstelle und ein spezialisiertes Immobilienportal für rollstuhlgängiges Wohnen. Auf www.procap-wohnen.ch findet man über 7000 entsprechende Miet- und Kaufangebote aus der ganzen Schweiz, die mit Hilfe einer eigens dafür entwickelten Suchmaschine von den wichtigsten Immobilienportalen in die Procap-Datenbank eingespiesen werden. Dank dieser breiten Datenbasis ist Procap in der Lage, die Marktsituation für rollstuhlgängiges Wohnen zu analysieren und repräsentative Aus-sagen über die aktuelle Situation zu machen. Ein detaillierte Auswertung der Wohnungs-inserate im September 2009 ergab folgendes ernüchterndes Bild:
In der Schweiz waren im letzten Herbst von 3220 ausgeschriebenen rollstuhlgängigen Mietwohnungen nur 102 Wohnungen günstiger als 1000 Franken pro Monat. Total 402 Wohnungen – oder lediglich 12 Prozent – wurden unter 1500 Franken angeboten. Mindestens 53 Prozent der Wohnungen kosteten gar mehr als 2000 Franken. Zudem waren 9 Prozent der Wohnungen ohne Mietpreisangabe auf dem Markt. Die Erfahrung zeigt, dass diese Wohnungen grösstenteils teurer als 2000 Franken sind.
«Die Wohnungssuche wird dadurch erschwert, dass lediglich ein Drittel des gesamten Wohnungsangebots Mietwohnungen sind», sagt Urs Schnyder von der Procap-Wohnberatung. Und das gilt nicht nur für die Stadtkantone, sondern für die ganze Schweiz. «Bezahlbare rollstuhlgängige Mietwohnungen sind in allen Kantonen Mangelware», so Schnyder weiter.
Eine detaillierte Auswertung der Resultate nach Kantonen finden Sie in der Dokumentation oben.
Ergänzungsleistungen fürs Wohnen reichen nicht aus
«Die Auswertung zeigt, dass nicht nur zwei Drittel der verfügbaren rollstuhlgängigen Mietwohnungen mehr als 1500 Franken pro Monat kosten, sondern für rund die Hälfte der rollstuhlgängigen Mietwohnungen gar mehr als 2000 Franken pro Monat gezahlt werden muss», fasst Urs Schnyder das Resultat zusammen. Diese Kosten liegen aber deutlich über den Beträgen, welche der Kanton als Ergänzungsleistung (EL) für selbständiges Wohnen anrechnet. Bei alleinstehenden Personen im Rollstuhl können nämlich allerhöchstens 1400 Franken, bei Verheirateten 1550 Franken pro Monat berücksichtigt werden.
Wohnen im Heim ist dreimal so teuer
41 Prozent der IV-Bezüger sind auf EL angewiesen. Seit 2008 das Bundesgesetz über Ergänzungsleistungen zur Alters-, Hinterlassenen- und Invalidenversicherung (ELG) revidiert und die Höchstbeträge bei der Berechnung der EL für Personen, die dauernd oder längere Zeit in einem Heim oder Spital leben, aufgehoben wurden, sind die Beiträge massiv angestiegen. Wer im Heim wohnt, erhält im Schnitt 2800 Franken pro Monat ausbezahlt. EL-Bezüger in eigenen Wohnungen bekommen lediglich 900 Franken. «Wenn das Wohnen im Heim dreimal so teuer ist wie das Wohnen in den eigenen vier Wänden, sollten doch auch die Behörden ein Interesse haben, möglichst vielen Menschen mit Behinderung den Verbleib in der eigenen Wohnung zu ermöglichen», stellt Schynder fest.
Vorstoss im Parlament vorbereitet
Dieser Argumentation schliesst sich auch die Basler Nationalrätin Silvia Schenker (SP) an: «Ergänzungsleistungen sind ein nützliches und wirkungsvolles Instrument zur Unterstützung des selbstständigen Wohnens für Menschen im Rollstuhl.» Sie plane deshalb einen Vorstoss im Parlament einzureichen, der eine bedarfsgerechte Erhöhung der EL für rollstuhlgängige Wohnungen fordert. «Den Betroffenen wäre sehr geholfen, wenn der jährliche anrechenbare Höchstbetrag von heute 3600 Franken (also 300 Franken pro Monat) mindestens verdoppelt würde. So werden für die Betroffenen auch Wohnungen erschwinglich, die bisher weit ausser Reichweite lagen», erklärt Schenker. Grundsätzlich entspreche die Förderung des eigenständigen Wohnens auch der Stossrichtung der 6. IV-Revision, welche die Einführung eines Assistenzbeitrages vorsieht.
Spareffekt von 2,2 Milliarden Franken dank rollstuhlgängigen Wohnungen
Bernard Stofer, Leiter des Ressorts Bauen Wohnen Verkehr bei Procap und Architekt ETH, spannt den Bogen thematisch noch viel weiter. Damit ältere Menschen und Menschen mit Behinderung länger zuhause bleiben können, müssten Unterstützungsmass-nahmen wie Spitex, Haushalthilfen, Entlastungsdienste und Assistenz auf deren Bedürfnisse abgestimmt sein. Daneben braucht es aber auch entsprechend konzipierte hindernisfreie Wohnungen. «Die Schweiz könnte im Jahre 2030 2,2 Milliarden Franken einsparen, wenn der Eintritt von alten Menschen ins Pflegeheim um durchschnittlich ein Jahr verzögert wird», rechnet Stofer vor. Procap fordert deshalb, dass die Kantone die neue SIA-Norm 500 für hindernisfreies Bauen für verbindlich erklären und griffige kantonale Bauvorschriften für einen anpassbaren Wohnungsbau ab Gebäuden mit 4 Wohnungen festlegen. Zudem sollen Programme für nachhaltige Wohnungssanierungen mit einem rollstuhlgängigen Mindeststandard lanciert werden. «So erreichen wir, dass in 20 Jahren genügend hindernisfreie Wohnungen zur Verfügung stehen, die auch bezahlbar sind», stellt Bernard Stofer fest.
Suche nach rollstuhlgängige Wohnungen online
Procap betreibt die grösste Schweizer Plattform von im Markt verfügbaren altersgerechten und rollstuhlgängigen Wohnungen. Die Datenbank deckt sämtliche Landesteile und alle Kantone ab. Interessierte können unter www.procap-wohnen.ch nach Wohnungen suchen oder selber Wohnungsangebote aufgeben.
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